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DIE AUTORIN
- Elisabeth Prack wurde als Elisabeth Waraus
1930 in Prag geboren. Besuch der deutschen Volksschule.
- 1939 zog die Familie nach Friedberg in den
Böhmerwald.
- Im Mai 1946 musste Familie Waraus Friedberg
verlassen.
- In Österreich, in Staning bei Steyr, erwartete
sie der aus dem Krieg heimgekehrte Vater.
- 1950 Matura am Steyrer Realgymnasium,
Lehramtsstudium Deutsch und Leibesübungen in Wien, Professorin in Steyr.
- Verheiratet, drei Söhne.
DAS BUCH
- Elisabeth Prack erinnert sich in ihrem Buch „Als die Moldau
noch die Wulda war“ an ihre verloren gegangene Heimat. Der Titel bezieht sich
auf das Lied „Af d’ Wulda, af d’ Wulda“, in Wehmut der Moldau gewidmet.
- Das Werk enthält Beschreibungen der Kindheit und Jugend in
Prag, insbesondere der Schulzeit und der Jahre in Friedberg an der Moldau im
Böhmerwald.
- Die Moldau um Friedberg in ihrer naturnahen Schönheit wird
liebevoll beschrieben. In einem Kapitel tritt eine sagenhafte Nixe auf, die
Moldaulore, die ebenso über die verlorene Pracht ihres Flusses trauert. Der
Fluss und Teile von Friedberg mussten dem Moldaustausee weichen.
- In „Als die Moldau noch die Wulda war“ werden alte, schon
fast vergessene Kinderspiele wieder lebendig, Menschen-Originale der
sudetendeutschen Heimat, mit berührenden Schicksalen, leben weiter.
- Neben humorvolle Passagen treten im Verlauf des Buches
immer stärker wehmütige Gedanken. Politische Wirren, die nach dem Zweiten
Weltkrieg auch nach Friedberg vordringen, Nahrungsmittelknappheit und
schließlich der Verlust von Hab und Gut und Heimat, als die Tschechen die
Sudetendeutschen verfolgen und vertreiben.
- Auch Elisabeth Prack und ihre Angehörigen mussten die
Heimat verlassen.
- „Unbestellt bleiben in diesem Sommer die Felder. Kein Heu,
kein Grummet fuhr auf schwankenden Wagen in die Scheune. Es kamen herrliche
Gewitter, aber niemand stand hinter den regennassen Fenstern und zählte
ängstlich die Sekunden zwischen Blitz und Donner. Die Heidelbeeren fielen vom
niedrigen Strauch. Und als in diesem Jahr das Lied der Schwalbe verklungen
war, verstummt auch das letzte deutsche Wort im Böhmerwald.“
- Die Beschreibung der Beziehung zur Mutter, von
Kindheitserlebnissen bis zum Siechtum der Frau, an deren Krankenbett Elisabeth
Prack diesen Text geschrieben hat, zählt zu den besonders eindringlichen
Teilen des Buches.
- Illustrationen des Friedberger Othmar Sackmauer halten die
Erinnerung an die sudetendeutsche Heimat und ihre Menschen auch optisch wach.
Als Extra: Aufsatz über das Schicksal der Sudetendeutschen von Peter
Trautwein.
LESEPROBE
- Traurige oder schockierende Ereignisse verlieren ihre
Wehmut und ihren Schrecken, wenn man sie erzählt. Ihren Zauber aber behalten
sie.
- Die Stätten meiner Erinnerungen sind Prag und der
Böhmerwald. »Meine Stadt« hat Türme, Wasser und Berge. Über ihre Plätze,
Gassen und Brücken geht man wie durch ungestörte Natur. »Meine
Naturlandschaften« sind sanft, abwechslungsreich wellig, von mäandrierenden
Bächen durchzogen. Duftende Waldränder locken mich in die feierliche Kühle der
rauschenden Bäume.
- Manche Menschen hängen ein Leben lang an einer verlorenen
Liebe. Ein unheilbar Sehnsüchtiger vergleicht jede Frau mit seiner
unvergesslichen Liebsten und sucht bei allen Frauen Ähnlichkeiten mit ihr.
Einmal ist es eine Bewegung, einmal die Stimme, einmal ist es die Haartracht
und einmal erinnern ein paar Worte an die eine Frau.
- So geht es mir mit den Gewässern. Ich vergleiche sie alle
mit der Moldau von einst. Das moorige Braun, die fast seifige Weichheit, die
träge Fließgeschwindigkeit, die Temperatur im Hochsommer und im Herbst, all
diese Einzelheiten finde ich auch heute immer wieder an Gewässern.
REZENSION
Autobiographischer Roman
einer Pragerin
Eine Kindheit an der Moldau
Elisabeth Prack erzählt in „Als die Moldau
noch die Wulda war“ von ihrer Kindheit an der Moldau. Ihre ersten prägenden
Lebensjahre von 1930 bis 1939 verbrachte sie zunächst in Prag und dann in
Friedberg im Böhmerwald.
Die Autorin erzählt anschaulich und lebendig ihre Abenteuer als Mädchen. Wichtig
sind besonders die Eltern, die bemerkenswert stringent aus der Perspektive der
(kleinen) Tochter geschildert werden. Das Einzelkind erlebt erste Begegnungen an
der „Evangelischen Schule“, mit Lehrern und Schülern, darunter auch einem
jüdischen Mitschüler. Hier, wie später auch an der Dorfschule in Friedberg, wird der
Leser Zeuge des damaligen Unterrichts und der Vergnügungen der Kinder. Das Prager
städtische Leben mit Spaziergängen an der Moldau, Spielen auf der Sophieninsel
und dem unvergeßlichen Besuch einer Reptilienschau (Das Krokodil) wird dann auch
abgelöst vom ländlichen Leben auf dem Dorf, und der Leser folgt dem Mädchen in
Wiesen und Wälder des Böhmerwaldes.
Erstaunlich, wie genau sich die Verfasserin an diverse Kinderspiele erinnert,
deren Aussterben sie aus heutiger Sicht (zurecht) befürchtet: „Ochs am Berg“,
„Hex im Keller“, "Der Kaiser schickt seine Soldaten aus“ scheinen einem heutigen
Vater noch vertraut, aber seinen Kindern? Von dem Ballspiel „Ludwig“ oder dem
Rollenspiel „Uhren verkaufen“ mal ganz abgesehen. Die Puppenspiele der kleinen
Lisa mit ihrer Freundin „Bruckwirt-Anni“ muten heute geradezu archaisch an, wenn
man die von Annis Großeltern selbst gefertigten „Einl“ und „Schwimmkadei“ mit
den Robotern vergleicht, die derzeit die Kinderzimmer bevölkern.
Das Buch ist hier, wie bei manchen anderen volkskundlichen Einzelheiten, eine
wahre Fundgrube. Man begegnet auch sagenhaften Gestalten wie der
„Moldaulore“, einer fatalen Mischung aus Undine und Seejungfrau, die von ihren
Gewässern die Zeitläufte und das Treiben der Menschen mit Staunen verfolgt – bis
hin zur Errichtung des Stausees in ihrem böhmerwäldlerischen Reich.
Aber das Märchenhafte bricht immer nur kurz ein; zuviel geschieht in der
tatsächlichen Welt. Elisabeths Vater muß mit 44 Jahren noch einmal in den Krieg,
und die Familie zittert um ihn, bis man sich, erst nach Kriegsende, in Österreich wiedersieht.
Neben Freunden und Spielen, Schule und Familie beobachtet das Mädchen auch sehr
genau seine Umgebung. Die soziale und historische Lage wird mit Fortschreiten von
Krieg und Vertreibung immer schwieriger. Besonders in den Kapiteln „Die Ahnen“,
„Der Herr Kolatschek“ und „Die Narben der Traude P.“ wird bitter deutlich
gemacht, daß damals gerade die Armen, Schwachen und Schuldlosen grausamst unter
den Kriegsfolgen und der „Rache“ der Tschechen leiden mussten.
Denn nach einem kurzen, glücklichen Intermezzo in Friedberg unter den
Amerikanern ergreifen dort die Tschechen die Macht. Mit ihnen ziehen Willkür und
Mißhandlungen ein.
Im Mai 1946 kommt es zur Vertreibung und zu einem Neuanfang in Österreich.
Das von der jungen Heldin erwartete „große Nachtrauern“ freilich bleibt
weitgehend aus, denn „bald verliebte ich mich, und dieses neue Gefühl veränderte
meine Trauer um Vergangenes in normales Ausmaß“, wie die Autorin erzählt. Die
Liebe zur Heimat, ihrer Landschaft und vor allem zum Strom ihrer Kindheit läßt
sie bis heute nicht los. „An der Moldau habe ich die Wasserliebe gelernt. Sie ist
mir angeboren und anerzogen Als meine Eltern mich zum ersten Mal mit neun
Monaten an die Moldau mitnahmen, soll ich ganz verzückt gewesen sein, die Moldau
war immer da.“ Schöner läßt sich frühkindliche Prägung nicht beschreiben. Der
kleine Ort Friedberg war übrigens direkt
an der Moldau gelegen und ging gewissermaßen „doppelt“ verloren, denn er wurde
nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung auch noch vom neu aufgestauten
Moldaustausee verschlungen.
Elisabeth Prack, Jahrgang 1930, die an Gymnasien in Steyr Deutsch und Sport
unterrichtete, ist eine begnadete mündliche Erzählerin. Sie konnte viel von ihrer
Fabuliergabe in diesen Text einbringen und ihm trotz des ernsten politischen
Hintergrunds einen wehmütigen Zauber verleihen.
Ergänzt wird die bemerkenswerte Autobiographie von Peter Trautwein. Der
Geschichtslehrer liefert im Anhang einen historischen Abriß zum „Schicksal der
Sudetendeutschen“.
Die Zeichnungen stammen von dem gebürtigen Friedberger Othmar Sackmauer.
Susanne Habel,
Sudetendeutsche Zeitung, Passau
Zeit, die Hürden zu
überwinden
„Ich hatte durch das Leiden unter wehmütigen Stimmungen
vielleicht keine unbeschwerte Kindheit. Rückblickend scheint mir das
Durchlittene aber von Bedeutung. Es ist eine Art Quelle für die
Empfindungsfähigkeit. Das Altern stumpft ab. Aber aus der Kindheit wachsen mir
Brücken der Sehnsucht nach Landschaften, Menschen, Bildern, Melodien und
Träumen.
Ruckblick der in Steyr wohnenden und als Pädagogin wirkenden gebürtigen
Tschechin Elisabeth Prack. Geboren in Prag, als Neunjährige übersiedelte sie
1939 nach Friedberg in den Böhmerwald - das Stifter-Land. Es war die Zeit
angebrochen, „in der die Deutschen laut sprachen und die Tschechen leise. Es kam
der Krieg.“ Es kam aber auch die Zeit wieder, in der die Tschechen laut und die
Deutschen leise sprachen, so lange, bis sie 1946 aus dem Land gejagt wurden.
Entsprechend den Benes-Dekreten, ein frisch gebliebener Zankapfel; auch jetzt
noch, da Tschechien in Europa einrückte. In ein (so erhofftes) vereintes Europa.
Mit der Hoffnung:
„Europäer zu sein zählt nunmehr ebensoviel wie die eigene Nationalität, es
scheint die Zeit daher günstig zu sein, vergangene Hürden zu überwinden.
Gelingen wird das aber nur, wenn sorgfältig und ernsthaft vorgegangen wird. Die
schmerzlichen Verfehlungen von einst müssen offen auf den Tisch.“
Das schreibt der ebenfalls in Steyr wirkende Geschichtslehrer Peter Trautwein,
nahezu eine Generation jünger als die Autorin des Buches, zu dem er das Nachwort
mit diesen Sätzen verfasste.
Elisabeth Prack mag wohl zuweilen am „Moldau-Blick“ im oberösterreichischen
Bereich des Böhmerwald-Kamms gestanden und hineingeblickt haben in das Land
ihrer Kindheit, das inzwischen in weiten Bereichen im Stausee verschwunden war.
„Es hat keinen Sinn, an den Ufern der Stauseen um den einstigen Fluss zu weinen
...“ Nun freilich kann sie ungehindert wieder hinüber.
Für uns schrieb sie sozusagen einen literarischen Moldau-Blick. „Als die Moldau
noch die Wulda war“. Erinnerungen an das ländliche Leben im Stifter-Land - sogar
mit direkten Stifter-Bezügen: „Nahezu in jedem Gegenstand kam zur Sprache, dass
Adalbert Stifter unser Friedberg und die Fanni Greipel geliebt hatte. Eine
Großnichte jener Fanni war viele Jahre Oberlehrerin der Friedberger Schule, und
die Urgroßnichten von Stifters Jugendfreundin saßen in Gestalt der drei
Herrle-Schwestern mit uns auf der Schulbank.“
Das Leben im Stifter-Land, Erinnerungen an Brauchtum, an die damals stille
Landes-Schönheit nördlich des Böhmerwald-Hauptkamms. Erinnerung aber auch an die
Zeit, als Europa schwer, ja todkrank war. Und an die Folgen. Die düstersten
Abschnitte des schmalen Buches sind jene, die die Vertreibungs- und
Rache-Aktionen der Tschechen an den Deutschen beschreiben. Diese Zeit ist zwar
überwunden. Aber die Wunden sind noch offen.
Trotzdem: Kein Buch der Klage, keines der Anklage. Eine Nach-Erzählung, ein
verhaltenes Liebeslied, wenn auch mit traurigen Strophen.
Reinhold Tauber,
Oberösterreichische Nachrichten |