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REZENSION VON WALDEMAR
GRASER, "STRASSENKREUZER", NÜRNBERG
Spannung, Spaß und Ernst seit 1449
Ein Autorennen: "Das Auto roch noch wie ein neuer Schweinsleder-Koffer von
innen. Jus nahm scharf ein paar Ecken, raste die Gibitzenhofstraße hinein, am
Zollhof vorbei, zum Ring. Er fuhr mindestens achtzig. Am Bahnhof riss er den
weich gefederten Opel in die Königsstraße, die sie King-Street nannten."
Eine Begegnung: "An der Marmorplatte saß ein Mädchen, von dem er nur zwei
Drittel sehen konnte. Diese zwei Drittel steckten in einem zitronengelben Kleid,
das ein weißer Gürtel halbierte ... Noch nie hatte er so einen Himbeermund
gesehen ... Cramer konzentrierte sich auf seine Zitroneneiskugel. Dann spach er
sie an."
Zeitgerechte Küchengeheimnisse: "Ein Einbrenn ist das Schwierigste überhaupt. Es
darf nicht klumpen, nicht zu hell, nicht zu dunkel werden, es muss schön braun
und bröselig sein."
Autor C. H. Guenter (eigentlich Karl-Heinz
Günther) verarbeitet in seinem soeben erschienenen Roman "Die Noris-Banditen"
selbst Erlebtes plus Historie. Ein vor Fantasie sprühender
Wiedergeburtsroman (Elisabeth aus der Schule des Erzählers taucht über alle
Jahrhunderte auf) und die Geschichte der Schüler-Clique "Noris-Banditen".
Die dicht gewebte, stes stimmige Atmosphäre der ausgehenden 1930er Jahre in
Nürnberg schlägt den Leser auf jeder Seite des 567-Seiten-Wälzers in ihren Bann.
C. H. Guenter - ein Großmeister der Spannung.
"Der Winter 1938/39 war mild. Als die Noris-Banditen am 31. Dezember kurz vor
Mitternacht den Nordturm der Sebalduskirche bestiegen, schneite es nicht mehr.
Nur noch ein weißes Flimmern lag in der Luft. Sie schleppten Thermoskannen mit
Glühwein hinauf, Lebkuchen, Fischsalat und Feuerwerksraketen."
Das dramatische Ende dieser Neujahrs-Erwartungen führt mit der Familienchronik
der Imhoffs direkt ins Jahr 1449 und zu Markgraft Albrecht von Ansbach, genannt
Achilles. Er kreuzt den Weg der Tochter Nürnbergs, Elisabeth Imhoff: "Die Furcht
vor den Ereignissen der nächsten Stunden ließen sie aber keine Minute der
Enstpannung finden. Weniger, dass sie hierbei die Sorge um die eigene Person
berührte als die Verantwortung für die, für den Nürnberger Rat wichtigen,
Schriften und Dokumente, welche wohl versteckt in ihrem Gepäck auf dem
schnellsten Weg in die Stadt gebracht werden mussten."
Obwohl ihre Lager verfeindet sind, teilen sie es.
Die Weltgeschichte blättert eine Seite um: "Dr.
phil. Elisabeth Imhoff Pestalozzo saß an ihrem Schreibtisch im
Germanischen Nationalsmuseum zu Nürnberg ... Aufzuspüren was ausgelagert und
noch vorhanden war, darin bestand Elisabeths Aufgabe."
Nachkriegs-Nürnberg voller Trümmer, abgerissener Beziehungen, und der Autor
augenzwinkernd als interhistorischer Akteur alias Curt Cramer allzeit inmitten
der Turbulenzen.
Auch im angehängten "Alexandria-Irrtum", einem
Mister-Dynamit-Roman. Da ist Cramer (von rechts nach links gelesen) Oberst
Robert Remarc.
C. H. Guenter: Die Noris-Banditen
Oerindur Verlag
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