OERINDUR VERLAG

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ARTIKEL VON GUENTHER NENNING IN DER "KRONEN ZEITUNG"

Oberhalb von Unterwaldschlag ist Oberwaldschlag, beide sind in der Nähe vom Traberg, wovon es wiederum Großtraberg, Kleintraberg und Obertraberg gibt, aber kein Untertraberg, alles in der Nähe von Bad Leonfelden, OÖ. In Oberwaldschlag betreibt Josef Preyer, Mittelschullehrer in Linz, seinen Oerindur Verlag.
Mein Vater sagte gerne: ,,Erkläret mir, Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur." ,,Ich hab's auch von meinem Vater", sagt mir Josef Preyer. Es klingt nach Nestroy, ist aber von Adolf Müllner, aus dessen verschollenem Burgtheaterstück ,,Die Schuld" (1813).
Ob der wunderbare Satiriker Reinhard Tramontana den Grafen Oerindur so schätzt wie ich, konnte ich noch nicht herausfinden, aber der Reihe von Kriminalromanen aus den Sechzigerjahren, die der Oerindur Verlag neu aufgelegt hat, ,,Kommissar X", bescheinigt er Charme. So sind sie, die Romanheftl-Nostalgiker.
Ich hingegen halte mich stattdessen an Friedrich Steinbock, eine wirkliche Entdeckung Oerindurs. Ich habe immer vermutet, dass der Heimatroman, tot gesagt und verlacht, eine Wiederkehr erfahren wird. Hier ist sie. ,,Die zeitlosen Tage der Anna H." Erst zweifelte ich, ob das eine Neugeburt ist, aber nach ein paar Seiten war ich überzeugt.
Hier schreibt einer, der nicht vom zeitgeistigen Feuilleton hinaufgelobt werden wird. Er schreibt in einer einfachen Sprache, nicht frei von beigemengtem Klischee, aber mit Kraft und Gefühl und Sinn für Realität. Des Nasenrümpfens der hohen Literaturkritik kann er sicher sein. Wahrscheinlich wird sie ihn gar nicht beachten.
Ein Journalist - wahrscheinlich ist es Steinbock selbst, der langjährig Redakteur der ,,Steyrer Zeitung" war, jetzt ist er 74 - steigt in entlegener Gebirgsgegend herum. Er findet auf einer Alm, die niemand im Tal für bewohnt hält, eine Frau, vermutlich 100 Jahre alt. Sie lebt mit und von einer Kuh, ein paar Ziegen und einem Fleck Boden, den sie selber bebaut. Kein Mensch weiß von ihr.
Zwischen dem Journalisten und der alten Frau entspinnt sich Liebe, geistige, fern vom blöden Sex, das ist von den Umständen her klar. Aber die Idylle wird gestört. Es ist kein altmodischer, unwirklicher Heimatroman.
Der Bürgermeister im Tal will die Hundertjährige vermarkten und fremdenverkehren durch ein großes Geburtstagsfest. Auch zu einer Art Heiligen wird sie, samt Wallfahrt. Schließlich wird sie mit Gendarmerie und Hubschrauber von der Alm abtransportiert. Der Sozialstaat greift nach ihr, sie wird versorgt: Sie sitzt in einem Zimmer und schaut zum Fenster hinaus. Sie kennt die Menschen nicht mehr. Sie kennt auch ihre Kuh nicht mehr.
Als sie noch besser beisammen war, hatte sie die Zähigkeit, vor dem 21. Jahrhundert zu fliehen, aus gutem Instinkt, ohne alle Bio-Theorie. Da sagte sie zu ihrer alten Kuh:
"Weißt du, Kuh, du wirst es spüren, wann du sterben wirst. Warte nicht, bis der Schlachter kommt. Leg dich in die Wiese und rühr dich nicht. Der Tod ist wie junges Heu. Du wirst den Geruch in der Nase haben, bis es zu Ende ist."
Freilich steckt Rührseligkeit drin. Aber das ist mir egal. Ich hab nasse Augen gekriegt. Da pfeif ich auf jeden überkandidelten "Antiheimatroman". Die Zukunft liegt beim Gefühl.
Das Bild auf dem Umschlag malte ein Freund des Verlegers, Mittelschulprofessor wie dieser, 80. Nach einem Foto malte er seine Urgroßmutter, die 13 Kinder hatte.
Es gibt Künstler, die sind keine. Sie sind gefangen in der Enge des Zeitgenössischen - Kunst aber heißt Vorausblick. Und es gibt Nichtkünstler, die dennoch Künstler sind - weil sie den Vorausblick auf die kommende Kunst haben. Es wird eine Kunst sein, die den verwirrten ,,modernen" Menschen bei der Hand nimmt, oder bei welchem Körperteil auch immer, und ihn zurückführt, wo er wieder Halt findet.
 
Getreu dem Grafen Oerindur will der gleichnamige Verlag den "Zwiespa1t der Natur" heilen, der sich in der modernen Literatur auftut. Er bringt den "mittleren" Roman: oberhalb von Kitsch und unterhalb von Avantgarde.

TITELBILD: SILVESTER LINDORFER