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HANNES KERBL: HURENSÖHNE
Philosophische Nachtgedanken
Illustriert von Heribert Mader

KRITIK

DIE EINZIG AKZEPTABLEN SIND DIE HUREN SELBST
 
Reinhold Tauber, OÖNachrichten
 
Die Welt, die ist ein Hurenhaus. Die Gauner fliegen ein und aus. Hurensöhne allesamt, verfluchenswert. Ob Politiker; Kleriker; Pädagogen oder Wirtschafter. Alle jene halt, die das Volk für saudumm verkaufen oder die jeweils nachfolgende Generation verhunzen. Denn jede lernt von der vorhergehenden oder von so genannten Vorbildern nur; wie man den Nächsten übers Ohr haut, über den Tisch oder ihm das Fell über die Ohren zieht. Jeder ist sich selbst der Nächste und der Neben-oder Hinter-Nächste soll schauen, wo er bleibt. Die einzig Akzeptablen im Hurenhaus Welt sind die Huren selbst. Die machen geradlinige Geschäfte, geben kalkuliertes Scheinglück, aber sie belügen sich selbst nicht, durchschauen ihre Kunden. Versuchen, aus sich selbst den besten Verdienst zu ziehen, wer wollte es ihnen verübeln.
"Die Jahrhundertwende fordert Sarkasmus", postuliert der oberösterreichische Essayist Leopold Federmair.
Dieser Forderung kommt der Steyrer Hannes Kerbl - im Brotberuf Sprachlehrer am Gymnasium Steyr - nach. "Philosophische Nachtgedanken" schwirren dem Leser um den Kopf. Die verwackelt wirkende Szene ist entweder ein Stammtisch oder eine von Freudenmädchen belebte Örtlichkeit, in der seltsame, aggressive Nachtvögel mit Durchblick das Hurenhaus Welt auseinandernehmen. Philosophen im Gewand eines Diogenes oder Schopenhauer hocken beim Wein, räsonieren sich durch die Nacht, eigene Erinnerungsfetzen der monologisierenden oder in grimme Dialoge eingebundenen Referenten fegen durch die Denk-Räume.
Ein grotesker Tanz im Dreivierteltakt mit bösen Figuren ist das Leben, werden wir belehrt. Mit schrillen Dissonanzen klingt der Tanz irgend wann aus, und dann: Tschau, tschüss, baba, Welt.
Kerbl lässt seine rasante Geschichte eher allgemein starten und wird dann sehr konkret. Insbesondere, was seine Sicht des Österreichischen anlangt. Hier wohl im Allgemeinen, aber doch auch sehr im Besonderen. Von Politik bis Pädagogik. Und was er zu all dem denkt und hinschrieb in aggressiven, höhnischen, ironisch-zynischen, daher bewusst und betont stark überzeichnenden Schüben, das wird sich keiner der Angesprochenen hinter den Spiegel stecken.
"Nestbeschmutzer" wird mancher wieder aufheulen, der keinen Bernhard mehr vorfindet, um ihm das ins Gesicht zu spucken, und keine Jelinek, die sich ihm derzeit in den Spuckweg stellte. Und den Artmann, der über die Wiener nach Augenschein und Erleben so Böses sagte, wie es böser nicht geht, den trifft‘s wie den Bernhard nicht mehr.
Aber es ist ungemein viel Bedenkenswertes in diesem Text, der sich in impressionistisch-ironischen Passagen gefällt in thetralischer Diktion der Herder-Zeit, um dann wieder umzuschalten in die bitterböse Sprache der Gegenwart.
Eine laute Litanei. Eine Anrufung, Bitte um Einsicht und Selbsterkenntnis. Eigentlich kann sich jeder diesen Text als wenn auch ziemlich grob geschliffenen Spiegel vorhalten. Wenn der vielleicht auch Konturen verzerrt: Er zeigt trotzdem Wahrheit.
Im Programm des Verlags ein knallharter Kontrast zur flinkfingrig hingetupften Lese-unterhaltung etwa rund um den "Mister Dynamit".
 
DER AUTOR
 
Hannes Kerbl wurde 1956 Molln im Steyrtal geboren.
Besuch des Gymnasiums der Benediktiner von Kremsmünster.
1974 begann er an der Philosophischen Fakultät der Universität Salzburg das Lehramtsstudium für Russisch und Latein und verbrachte seine Freizeit am Stammtisch der Klassischen Philologen.
Seit 1980 unterrichtet Hannes Kerbl Latein und Russisch am Bundesgymnasium Steyr.
Freiberuflich arbeitet er als Übersetzer, gerichtlich beeideter Dolmetscher für Russisch sowie als Lektor der Fachhochschule Steyr und der Universität Salzburg.

 

TEXTPROBE
 
PROLOG
 
 
Gute Geschichten spielen immer in Auswanderungsländern, weil ihr Druck auf das Individuum dort so stark ist, daß Kunst entstehen muß. Kunst als Abgas des Überströmventils verdichteter Aggression, Depression, Frustration, Kunst als Ausgleichsbehälter für Intoleranz und Unmenschlichkeit im Bremssystem geschlossener Systeme, Kunst als Selbstbefreiung Gefangener, die sich ihrer Knechtung bewußt werden, Kunst als Aufschrei einer Spezies, die zum Schweigen verdammt ist, Kunst als Ausdruck des Wahnsinns, der Verzweiflung, der Ohnmacht und des letzten Versuchs, suizidale Wünsche zu verdrängen.
Kunst ist an Wände geklatschte Farbe, auf Leinwand gespritztes Sperma, auf Papier gekritzelte Ipsation, stinkende Onanie in psychologischen Bedürfnisanstalten, wo der Meister den Kot gärender Keime ausscheidet, bevor er gereinigt sein domestizierendes Vaterland verläßt.
Gute Geschichten spielen immer in Kneipen und Bordellen, in Klöstern und Kirchen, im Hinterhof und auf der Straße, weil an diesen Orten der Teufel regiert, in all seiner Schönheit und Niedertracht, in all seiner herrlichen Humanität.
Gute Geschichten erzählen immer von Trinkern, weil sie gegen Restringenz und Kleinbürgertum, getragen von perversem Katholizismus, inflexiblen römischen Rechtsnormen, geformt von internationaler Korruption und national sozialistischer Politik, Freiheit und Selbstverwirklichung einer inneren Emigration symbolisieren.
Gute Geschichten entstehen immer in Österreich, weil die Voraussetzungen für engstirniges Denken, konformistisches Blöken, heimtückisches Taktieren und subalternes Handeln in diesem Lande idealtypischen Nährboden finden.
 
So steht die Uhr auf Mitternacht
und tanzend schwanken die Gefühle,
den Morgen lehrt die erste Tat,
daß Gestern Raum und Zeit vergaß.

 

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Neu im Verlag der Apfel
Hannes Kerbl
Ganglmüllers Rache
ISBN 3-85450-114-5